Ein chinesischer Dichter . 712/770 n. Chr.

Du Fus
Beschwerliche Reise durch eine
verhängnisvolle Zeit, und niemals
mutlos in der Sprache sein, und doch
in ihrem Trost sich wiederfinden.

Das ist kein Einzelfall.

Wie schön, daß du dann später ehrenvoll
erscheinst mit einfachen Gedanken, die
nichts verbergen, und auch nichts beklagen.

Für wen sind diese Worte gut?

Und lange vor dem Ziel, das unerreichbar
schien, und eigentlich auch war, was auch
an unserem Schicksal liegen kann, als
armer und vergessener Mann von einem
LebensOrt zum anderen zu gehen.

Viel zu früh!

Der Nachruhm macht den Armen nicht mehr satt.
Ist es nicht angenehmer, ruhmvoll in sich selbst
zu sein, solange uns ein schönes Wort gelingt?
Wer sehnt sich da noch nach der Armut seiner Zeit!

Die wahre Kunst fragt nicht nach Ruhm und Geld.


   

Aus: LENA und das Paradies

 
Aus gegebenem Anlaß
 
Zum Abtransport bereit – Menschen in Vieh-Waggons.
In Boryslaw. Im Osten. Ein hochgewachsener Mann
im Anzug mit Krawatte erscheint, und fordert,
daß seine Juden ausgeladen werden. 19/42.

Und die SS–Soldaten schimpfen – und drohen
Berthold Beitz. Das war der Mann, noch unter dreißig,
Direktor eines Öl–Geschäftes, der sich nicht drohen ließ.

Die Nazis brauchten dieses Öl, und ließen sich auf
seine Wünsche ein, die lebensrettend war‘n.

Gerettet war auch Jurek Rotenberg, vierzehn Jahre alt.
Und beide Männer sahen sich, nach mehr als
siebzig Jahren, in Essen wieder.

Und niemand hat in unserem Land gewußt, daß dieser
große Mann der Industrie ein Held, ein Lebensretter
war, der einem grausamen Regime die Stirne bot.

Nur Jurek Rotenberg hat überlebt; ein Israeli,
mit deutschem Zungenschlag, der seine alte Sprache
nicht vergessen kann.

Und auch nicht, wer sein Lebensretter war, ein Deutscher:
Berthold Beitz, den die Geretteten als Held verehrten; hat er
doch einem grausamen Regime die Stirn geboten zu einer Zeit,
als es in solcher Lage nicht üblich, aber hoch gefährlich war,
als Deutscher auch ein guter Mensch zu sein.
Erinnerung an einen Helden

Im Juni 2015 sprach Norbert Lammert
vor der KNESSET in Jerusalem, bezeichnete
die Freundschaft zwischen Israel und
Deutschland als ein Wunder der Geschichte.

Und sagte, daß die Deutschen dankbar sind
für unsere Freundschaft und stolz auf unsere
Partnerschaft mit Israel.

DIE WUNDEN SIND GEHEILT - DIE SEELE
TRAUERT NOCH - DAS LEID WAR GROSS, DIE
SCHULD DER EIGENEN LEUTE GRENZENLOS -
WIR HABEN UNS GESTELLT DER PFLICHT, ZU
SAGEN, WAS ZU SAGEN IST - UND OFFEN ZU-
GEGEBEN, WAS GESCHAH, UND NIEMALS
MEHR GESCHEHEN DARF -

Wie nah Jerusalem doch bei uns liegt, und
eine Bastion mit demokratischem Charakter
ist; und auch bedroht wird von so vielen Seiten,
und jeder glücklich überstandene Tag wie ein
Geschenk empfunden wird, und uns daran erinnert,
wie kostbar unser Leben ist – in Israel und anderswo.
Das zu erleben, erfüllt uns eine Reise nach Jerusalem.
Eine Reise nach Jerusalem
 

Aus: Eine Nation ist kein Garten Eden



Erinnerung an eine alte Freundschaft
Immer noch nicht begreifen kann
ich, was mit Herschel geschah,
meinem englisch-deutschen Freund.

Was war das für ein Jahr: 19/41,
als Herschels Eltern von braunen
Horden ins KZ geschleppt, vergast,
verbrannt, vergessen wurden?

Doch Herschel überlebte, als Baby,
und wurde bald schon aus dem Land
gebracht – und war ein Leben lang allein.

Im Keller unseres Clubs für Literatur
und Politik, in Frankfurt, in der
Goethestadt, erfuhren wir, wie unter-
schiedlich unsere Entwicklung war;
Anfang der 60er Jahre, bevor auf
unseren Straßen der Protest aus allen
Fugen brach.
Daß ich ein Kind von armen Eltern
war, verstand er nicht; und daß noch
sechs Geschwister die Begleiter meines
Lebens war‘n, fand er bewundernswert -
und abenteuerlich.

So fanden wir, im jugendlichen Übermut,
und gleichen Alters, zueinander,
als gute Freunde; die Glaubensfragen
überließen wir den andern.

Und was uns heute noch verbindet,
darüber schweigen wir. Wir hatten
früh ein wundervolles Einverständnis,
das man mit Worten nicht beschreiben
kann, und das uns nie verlassen wird. –

Es muß doch etwas in uns Menschen
liegen, das alles, auch die großen
Schmerzen, überwinden kann.

Nur unsere Muse weiß, wie lange schon
wir Menschen dieses Leid ertragen.
Sie nimmt uns an die Hand.

Aus: Späte Visionen - 2019/20 - Autor: Gregori Latsch
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