Der Nationalbewusste



Er trauert der Vergangenheit nach. Er sagt, daß das ganze Volk eine starke Gemeinschaft bilden sollte. Trifft er auf einen Kosmopoliten, müssen starke Männer ihn festhalten, sonst vergißt er sich. Sagt ihm der Kosmopolit, daß überall Menschen leben und die gesamte Erde sei­ne Heimat ist, bricht er in Tränen aus. Nichts ist ihm unangenehmer, als mitanzuhören, wie sein Land und die Menschen darin mit anderen Ländern und Völkern verglichen werden.
Er beschwört mit pathetischen Worten seine Zuhörer, in der eigenen Rasse zu bleiben. Wer von seinen Leuten ein Unrecht begangen hat, muß sich geirrt haben. Wird ein Ausländer in seinem Land eines Ver­gehens bezichtigt, droht er ihm die Todesstrafe an.
Natürlich verabscheut er fremde Sprachen, seine eigene pflegt er mit kernigen Worten aus der Vergangenheit zu füllen. Er ist besessen von einer Umgestaltung der Schreibregeln, egal wohin das führt.
Die Produkte seines Landes sind die besten, schönsten und preiswer­testen. Traurig stimmt es ihn, daß seine Regierung so tolerant ist und ihre Grenzen offen hält für Menschen aller Hautfarben und Reli­gionen. Darunter leidet er.
Den Teufel malt er an die Wand, wenn er von der Zukunft seines Vol­kes predigt. Er befürchtet eine Überbevölkerung durch ausländische Mitbürger.
Insgeheim stellt er sich vor, was geschähe, wenn seine Nation wieder erstarken würde, Macht über andere Staaten ausüben könnte, dann wür­de er mit einem eisernen Besen das Land leerfegen von all jenen, die seinem Nationalgefühl im Wege stehen.
Seine Kinder versucht er, streng in seinem Glauben zu erziehen.
Er ist ein Überbleibsel aus der Vorzeit der Gedankenfreiheit. Er kann mit dem Recht auf eine freie Meinungsäußerung nichts anfangen.
Gewiß, er ist im Denken oberflächlich, aber fest in seiner Ansicht, den richtigen Blick für das Wohl seines Volkes zu haben. Einen Irrtum schließt er aus. Er kann uns leid tun.
Was mich am meisten an ihm stört: Er besitzt keinen Humor.
Aus: Der Gorilla läßt bitten
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