Der mit dem Geld tanzt

Sein Blick geht weit über die Silhouette der Metropole - und verliert sich, was, zugegeben, selten geschieht, in den eisbedeckten Spitzen der fernen Berge. Er mag keine Kälte.
Warme, positive Gedanken sind das Elixier seines Lebens. Er hat den Stein der Weisen schon vor langer Zeit gefunden. Er handelt mit Wertpapieren. Er spekuliert. Er ist ein Aushängeschild für den totalen Erfolg.
Was bedeutet das? Sein Geschäftsvolumen übersteigt die Vorstellungskraft des Schuhputzers am Fuße des Wolkenkratzers, in dem unser Mann residiert. Der erzielte Gewinn ist phänomenal. Ein erstaunliches Wunder.
Der Schuhputzer rechnet nach, wie lange er dafür arbeiten müßte. Er kommt zu einem beschämenden Ergebnis (für wen?): Gut dreißigtausend Jahre würde er brauchen, vorausgesetzt, die Menschen trügen dann noch Schuhe, die zu putzen wären, wenn er auch nur annähernd diese Einnahmen erreichen wollte.
Er vergißt schnell diese ewig-lange Zeit und genießt ein paar Sonnenstrahlen, die sich an den Straßenschluchten vorbei nach unten gequält haben. Er weiß natürlich, daß oben, in der Investmentzentrale, immer die Sonne scheint.
Und dann lächelt er, fast schon ein wenig weise, seine Mundwinkel werden breiter, er bricht in ein brüllendes Gelächter aus, das von den Marmor- und Glasfassaden der umliegenden Häuser unzählige Male zurückgeworfen wird. Was ist geschehen?
Auf dem Vorplatz des Hauses war der Investment-Mann tanzend erschienen, in den Armen einer gewaltigen Frau, deren Körper aus Geldscheinen und Münzen bestand. Sie bestimmte den Rhythmus und die Richtung. Und während sie unglaublich flink mit ihrem unwilligen Partner im Kreis herumwirbelte, verlor sie Schicht um Schicht ihres pompösen Gewandes; der Vorplatz füllte sich allmählich mit flatternden Banknoten, die Münzen klirrten verlockend in den Ohren des Schuhputzers, dem das Lachen vor Schreck vergangen war.
Nach kurzer Zeit schon hatte sich ein Berg aus Geldnoten und Münzen gebildet, auf dessen Spitze das dicke Geldweib mit dem zusehends älter gewordenen Investment-Manager gnadenlos das Tanzbein schwang.
Doch alle Lust will mal ein Ende haben. Langsam löste sich der Reichtum auf, von der Geldfrau war nur ein filigranes Körpergerüst aus Platindrähten zurückgeblieben; ihr Tanzpartner war ein alter Mann geworden, so schien es, der die absurde Veränderung nicht verstehen konnte.
Und auf einmal, als wäre alles ein Traum gewesen, der Schuhputzer wischte sich ungläubig die Augen, war der ganze Spuk vorbei. Der Investment-Mann hatte sein Auto erreicht, er stieg ein, der Chauffeur drückte die Tür ins Schloß, setzte sich ans Steuer und fuhr ab.
Eine silberne Münze, begehrlich glänzend, rollte über den Vorplatz, am Sitz des Schuhputzers vorbei, der vergeblich danach griff, und verschwand in einem Gully der Straße. Das war‘s!

 

Aus: Der Gorilla läßt bitten
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