Der Kirchenmann



Der Kirchenmann nennt sich „Diener Gottes“. Er lebt in der Hoffnung, daß der Glaube an einen Gott die Menschen besser machen kann. Er nimmt dafür manchen Spott gegen seine Person auf sich.
Sogar seinen Feinden, die ihm mehr als den Glauben nehmen wollen, verzeiht er. „Seid gerecht!“ sagt er. „Gegen Gott und gegen euch selbst.“
Natürlich leidet er unter der Ungerechtigkeit der Menschen, die ihre eigene Art oft lieblos behandeln. Gern würde er nach einem Gottesstaat auf Erden rufen, wenn er nicht wüßte, daß dies ein Rufen in der Wüste wäre.
Einige der Betroffenen suchen nach neuen Wegen der Glaubensvermittlung. Sie stellen sich mitten hinein in das Leben, empfangen es von allen Seiten, sind unter uns; ihnen entgehen nicht die Sorgen und Nöten, unter denen jeder einmal leidet. Sie können mitsprechen; darum werden sie verstanden, wenn sie sagen, daß der Glaube mehr ist, als das Leben geben und der Tod nehmen kann.
Andere stellen sich ganz offen auf die Seite der Unterdrückten, auf die Seite der Ärmsten der Armen. Sie wissen, daß die Ungerechten keine Nachsicht mit ihnen üben, wenn sie ihnen Schwierigkeiten machen.
Sie opfern noch immer ihr Leben der Erfüllung ihres Glaubens; alles betrachtend unter dem Blickwinkel der Ewigkeit eines Gottes, den sie für den Schöpfer des Universums halten. Sie klammern sich an diesen Gedanken, weil nur durch den Glauben, so meinen sie, das Leben und seine wunderlichen Begleiterscheinungen zu verstehen sind und einen Sinn erhalten.
Es hat aber auch Kirchenmänner gegeben, die im Wohlsein ihrer Person und ihres Standes die Erfüllung des Glaubens sahen. Sie waren die eifrigsten Bewunderer der frühen Märtyrer, die noch zu alten Zeiten ans Kreuz geschlagen wurden.
Jene aber verdienten nicht einmal das Kreuz, denn keine größere Schmach könnte dem Gläubigen zustoßen, als daß er von einem „Diener Gottes“ um seine Hoffnung auf den Glauben gebracht würde.
Der gute Kirchenmann hat einen eigentümlichen Charakter, eigentlich ist er sogar „charakterlos“, denn wer in der Hoffnung des Glaubens lebt, verzeiht allen, empfindet keinen Haß mehr, weiß sich und andere zu trösten und lebt einzig in der Liebe zu seinem Gott.
Er verdiente es, unter den Menschen zum Wortführer der Liebe gewählt zu werden. Aber leider ist auch der gute Kirchenmann immer an sein Amt gebunden, das er viel zu stark an seinen Glauben koppelt. Doch beides läßt sich nun einmal nicht sinnvoll miteinander verbinden.
Ich sehne den Tag herbei, an dem die „Diener Gottes“ göttlich-starke Einzelgänger sind, die mitten im Leben stehen, von einer treuen Gemeinde umgeben sind - und nur den humanen Gesten des Galiläers folgen, seiner tiefen menschlichen Weisheit, die sich natürlich auf Liebe gründet, und darum am besten verstanden wird. Das strenge Beten wäre ein überflüssiges Ritual. Allein die Menschlichkeit zählt.
Dienen in seiner schönsten menschlichen Weise, zum natürlichen Leben hin, unter Einbeziehung eines tiefen gläubigen Vertrauens, das wäre eine Perspektive. Und welche Charaktere daraus entstehen würden!
Aus: Der Gorilla läßt bitten
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