Gehen wir einmal davon aus, es gäbe eine Vorstellung
von den Dingen, die ohne Worte auskommt –
wie lange hielten wir dieses Schweigen aus?
   
Aus: Letzte Botschaften an die Sinne
Autor: Gregori Latsch
Genre: Aphoristische und satirische Texte



Leser's Wiederholungswunsch
 

Schützt uns die Demokratie vor den ruinösen
Formen des kapitalistischen Wettbewerbs?
Was muß geschehen, damit wir unseren
Wohlstand erhalten, ohne daß ständiges
Wachstum unsere Zukunft gefährdet?
Gibt es einen Fortschritt, der Veränderungen
im Sozialen berücksichtigt, ohne daß die
Armut überhand nimmt?
Was können wir gegen die ungeheuer große
Anhäufung von Kapital in privaten Händen
tun, ohne befürchten zu müssen, eines Tages
einer Diktatur des Kapitals zu unterliegen?
Hat es Sinn, mit der globalen Macht unserer
kulturellen Phantasie dagegen anzukämpfen?
Dürfen menschliches Glück und kulturelle
Zukunft von monetären Faktoren abhängig sein?
Gibt es einen Weg, Reichtum zu verachten?



Aus den unteren Schichten erreicht uns die
Botschaft, daß, nach einer Phase des
Beschnupperns, jeder Mitmensch aus einer
anderen, höheren Schicht, als Gleicher
anerkannt wird, solange er den Gemeinschaftsgeist,
die Empathie, den Zusammenhalt und die
Hilfsbereitschaft der unteren Schichten akzeptiert. –
P.S.: Die Botschaft wurde unkommentiert von
führenden Persönlichkeiten der Oberschicht zurückgewiesen.
 
Aus: Letzte Botschaften an die Sinne



Leser's Wiederholungswunsch, der aus dem Team kam.
 
Dem Vergnügen, sich am Schreiben schöner
(und pointierter) Gedanken zu erfreuen,
stellt Herr P. aus R. in unfairer Weise, und
völlig eigennützig, seine Armada aus
Mittelstreckenraketen entgegen,
ohne ein einziges Mal nach dem Sinn des
Schreibens schöner (und pointierter) Gedanken
gefragt zu haben. Wozu dann die Raketen?!


Geben wir den wahren Erzählern das Wort zurück,
das immer mehr Unberufene als Leitsymbol
eines Verständnisses für Literatur ansehen, der
sie als Unberufene in ihrer Tiefenwirkung
nicht gewachsen sind.


Wer in den Tagen einer unaufhaltsamen
digitalen Machtentwicklung glaubt, er könne
die Bürger mit nationalen Floskeln
auf seinem undefinierbaren Weg erneut
in eine politische Katastrophe führen, vergißt
bei seiner absurden Hetzjagd der Gefühle,
daß die aufgeklärten Bürger unserer Zeit
schon lange einen individuellen Status pflegen,
den keine Ideologie dieser Welt brechen kann.


Welch ein zauberhafter Gegensatz von Mann & Frau –
im Zustand der ersten Begegnung.
Und wie leicht der Zauber uns verlassen kann,
wenn wir, von allzu großer Ähnlichkeit ernüchtert,
uns nach der Rückkehr des ersten Zustandes sehnen.

Aus: Späte Visionen (Aphorismen)


Leser's Wiederholungswunsch
 
Als wir vom vierbeinigen zum aufrechten Gang
übergingen, hätten wir ahnen müssen,
daß jetzt eine neue Art der Persönlichkeitsentfaltung
anbrechen würde – mit allen schönen Eigenschaften
der menschlichen Rasse.



Neuer kategorischer Imperativ:
Niemals den Sinn eines Lebenstages
infrage stellen.
Nichts rechtfertigt den Verstoß gegen ein Lebensprinzip,
dem wir nur einmal angehören.
Es sei denn, die Überlebensperspektive
läßt uns keine andere Wahl.



Eine bemerkenswerte Perspektive, die uns
Sallust überliefert: Früher fand der einzelne
Bürger Schutz in der Mehrheit.
Wissen unsere Parteiführer eigentlich, was
sie angerichtet haben? Oder hat unsere Demokratie
die Zeit verschlafen?
 
Aus: Nicht über den eigenen Schatten springen
 

Manche Umstände bleiben unveränderlich
 
Unvorstellbar tapfer strebt die türkische Seele,
bei allen Widerständen des Glaubens,
nach dem Sinn der Demokratie.

Rhetorische Rohlinge haben keine Ahnung,
wie schwer es ist, in Zeiten der Vernunft
mit diplomatischer Gelassenheit eine falsche Meinung
als wahr zu interpretieren.

 

Aus: Späte Visionen (2019/20) - Autor: Gregori Latsch

Leser's Wiederholungswunsch

Liao Yiwu erzählt von seiner Gefängniszeit in China:
Fesseln, Schläge, Elektroschocks, Hitze, Kälte.
Und ich dachte, Laotse wäre bis Peking gekommen.

 

Aus: Freundliche Attacken
 
Wir dürfen nicht vergessen,
daß auch Kinder Träume haben,
die eine stille Lebenshoffnung sind.
 
Aus: Späte Visionen (2019/20)
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