Womit will uns ein schreibender Mensch
beglücken, wenn er nicht weiß, woher er
kommt und was seine Sache ist.



Gäbe es nicht das Mittelmaß, wie
könnten wir wissen, was sich ändern müßte,
um der Langeweile zu entkommen.

 

Aus: Botschaften an die Sinne
(Zyklus: Die Schöpfung war ein Irrtum)
 
Manche Umstände bleiben unveränderlich
 
Unvorstellbar tapfer strebt die türkische Seele,
bei allen Widerständen des Glaubens,
nach dem Sinn der Demokratie.
 

 
Rhetorische Rohlinge haben keine Ahnung,
wie schwer es ist, in Zeiten der Vernunft
mit diplomatischer Gelassenheit eine falsche Meinung
als wahr zu interpretieren.

 

Aus: Die Schöpfung war ein Irrtum

Aus niedrigem Anlaß
 
In dem braven Ländle Nordpoteta sagt der Präsident
des Landes, was das Leben ist:

Eine wunderschöne bunte Bombe,
mit Atomen voll bestückt, und
mit Wasserstoff, der göttlich zündet,
und sich danach sehnt, daß
alles brennt und zischt, und in
kleinen, klitzekleinen Teilchen still
verendet... bis die andern eins
geworden sind mit dem Nichts.

Was er noch verspricht? Daß sein Großmut nicht
herausgefordert werden darf. Auch ein Präsident ist
nur ein Mensch, der nicht weiß, was alles noch
geschehen kann.

Leser's Wiederholungswunsch

Liao Yiwu erzählt von seiner Gefängniszeit in China:
Fesseln, Schläge, Elektroschocks, Hitze, Kälte.
Und ich dachte, Laotse wäre bis Peking gekommen.

Aus: Freundliche Attacken
 
Wir dürfen nicht vergessen,
daß auch Kinder Träume haben,
die eine stille Lebenshoffnung sind.

 
Die menschliche Tragödie:
Ein Schauspiel mit gewaltigen Dimensionen, unberechenbarem
Szenenwechsel, Verwicklungen, Verstrickungen,
gefüllt mit Leiden und Freuden – und stiller Größe.
Mit einem Wort: Es gibt kein größeres Vergnügen,
als am Bändel der Mächtigen zu hängen, und nach
ihrer Lust und Laune sich in Positur zu setzen,
wie das so üblich ist, wenn Konkurrenzdenken, Neid
und Mißgunst weitere schöne Formen der Belustigung
sind – doch zu wessen gemeinsamem Vorteil?
Oder ist das geplante Ende jedes Spielers
der eigentliche Kick am Ganzen?

 
Was wir lesen.
Greifen wir nach einem Buch, wenn seine Geschichte
uns fasziniert ? So scheint es.
Das Spektakuläre zieht uns an.
Das Thema muß uns in den Bann ziehen, Esprit ausstrahlen,
das Unwahrscheinliche zur Sprache bringen.
Gegenwart ist Erlebnis genug, sie läßt uns kalt in den Büchern.
Die unerklärbare Phantasie ist gefragt!
Unsere begrenzten Lebenszeiten suchen nach dem sprachlichen
Abenteuer; zu lange bleiben wir ausgesperrt von diesem Zauber!
Buchhändler sind rar in der anderen Welt.
Solange wir leben, soll das Besondere uns begleiten, das
Überraschende erfreuen, und der tiefe Sinn eines Gedankens
Halt geben in einer zermürbenden Zeit.
Auf diese Weise bereitet uns die Lektüre eines Buches
das zweitgrößte Vergnügen – nach der Liebe.

Jene verborgenen, in der Vergangenheit unseres
Wissens angesammelten Erfahrungen,
intuitiv hervorgebracht, und in einem Buch versammelt –
ist das einer der hervorragenden Gründe,
warum das Buch unser wichtigster Begleiter bleiben wird,
auch in den Tagen des Trostes?
Und was es darüber hinaus an Aussagen erfüllt,
das macht es für alle Seiten unentbehrlich.

„Nun versteh‘ ich den Menschen erst,
da ich fern von ihm und in der Einsamkeit lebe.“
Im Verdunkeltsein der Gedanken wissen,
daß der Bruder Mensch, dessen Spiegelbild wir sind,
immer noch das größte Wunder ist,
erkannte Friedrich Hölderlin am Ende seines Lebens.

 
Aus: Späte Visionen (2019/20)
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