Gäbe es nur einen Weg zur Wahrheit,
er wäre dauernd aufgerissen.


Gehen wir einmal davon aus, es gelänge uns,
das Schweigen des Universums zu durchbrechen.
Kämen wir jemals aus dem Schweigen wieder heraus?
Aus: Botschaften an die Sinne
(Zyklus: Erste Attacke - 1994/95)
 
Manche Umstände bleiben unveränderlich
 
Unvorstellbar tapfer strebt die türkische Seele,
bei allen Widerständen des Glaubens,
nach dem Sinn der Demokratie.
 

 
Rhetorische Rohlinge haben keine Ahnung,
wie schwer es ist, in Zeiten der Vernunft
mit diplomatischer Gelassenheit eine falsche Meinung
als wahr zu interpretieren.

 

Aus: Die Schöpfung war ein Irrtum

Aus niedrigem Anlaß
 
In dem braven Ländle Nordpoteta sagt der Präsident
des Landes, was das Leben ist:

Eine wunderschöne bunte Bombe,
mit Atomen voll bestückt, und
mit Wasserstoff, der göttlich zündet,
und sich danach sehnt, daß
alles brennt und zischt, und in
kleinen, klitzekleinen Teilchen still
verendet... bis die andern eins
geworden sind mit dem Nichts.

Was er noch verspricht? Daß sein Großmut nicht
herausgefordert werden darf. Auch ein Präsident ist
nur ein Mensch, der nicht weiß, was alles noch
geschehen kann.

Leser's Wiederholungswunsch

Liao Yiwu erzählt von seiner Gefängniszeit in China:
Fesseln, Schläge, Elektroschocks, Hitze, Kälte.
Und ich dachte, Laotse wäre bis Peking gekommen.

Aus: Freundliche Attacken

Am späten Abend aus dem Fenster gesehen,
und nach der Galaxie mit dem Schwarzen Loch gesucht,
von dem die Astronauten sagen, daß es
250 Millionen Lichtjahre von uns entfernt liege -
und die erstaunliche Fähigkeit besitze,
siebzehn Milliarden Sonnen verschlucken zu können...
Ich weiß, es klingt albern,
aber eigentlich wußte ich schon immer, daß
das Chaos außerhalb unserer Erde noch viel größer ist.

Aus: Bitte keine Solidarität

Nach einem Teamgespräch

Ist jener zum Schreiben geborene Poet nicht
ein sonderbarer Mensch! Sieht er doch die
aus der Feder fließenden Gedanken
als eine Art von Selbstbereicherung an,
als ein Vergnügen, das alle anderen Erfahrungen
und Glücksmomente übersteigt; und dabei genügt
es ihm, zu wissen, daß dieses Vergnügen allgegenwärtig
sein kann, ohne daß er wie ein Besessener danach
strebt, es schreibend zu erfahren.

Gegen die Bilderflut
Das Buch
 
Was wir lesen.
Greifen wir nach einem Buch, wenn seine Geschichte
uns fasziniert ? So scheint es.
Das Spektakuläre zieht uns an.
Das Thema muß uns in den Bann ziehen, Esprit ausstrahlen,
das Unwahrscheinliche zur Sprache bringen.
Gegenwart ist Erlebnis genug, sie läßt uns kalt in den Büchern.
Die unerklärbare Phantasie ist gefragt!
Unsere begrenzten Lebenszeiten suchen nach dem sprachlichen
Abenteuer; zu lange bleiben wir ausgesperrt von diesem Zauber!
Buchhändler sind rar in der anderen Welt.
Solange wir leben, soll das Besondere uns begleiten, das
Überraschende erfreuen, und der tiefe Sinn eines Gedankens
Halt geben in einer zermürbenden Zeit.
Auf diese Weise bereitet uns die Lektüre eines Buches
das zweitgrößte Vergnügen – nach der Liebe.

Jene verborgenen, in der Vergangenheit unseres
Wissens angesammelten Erfahrungen,
intuitiv hervorgebracht, und in einem Buch versammelt –
ist das einer der hervorragenden Gründe,
warum das Buch unser wichtigster Begleiter bleiben wird,
auch in den Tagen des Trostes?
Und was es darüber hinaus an Aussagen erfüllt,
das macht es für alle Seiten unentbehrlich.
 
Aus: Späte Visionen (2019/20)
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