Die Philosophen haben die Welt nur verschieden
interpretiert, es kommt darauf an,
sie zu verändern.
Karl Marx wußte, wovon er sprach,
als er diesen Gedanken fand.
Die Frage ist, was können wir wirklich
verändern in der Welt, wenn jene,
die sich nicht ändern lassen,
das Recht auf die Integrität ihres Menschseins
fordern, unabhängig von jeder politischen Doktrin?

   
Aus: Letzte Botschaften an die Sinne
Autor: Gregori Latsch
Genre: Aphoristische und satirische Texte



Leser's Wiederholungswunsch
 
Worin wir uns erkennen

Das Model trägt sich und seine Kleidung.
So inszeniert es sich.
Die Schaufensterpuppe berührt sowas nicht, sie hält
sich an die gewünschte Präsentation.
Der erfolgreiche Manager
erkennt sich in dem Bild eines erfolgreichen Managers.
Politische Größen halten sich cool zurück,
wenn es um grundsätzliche Fragen ihrer Berufsehre geht.
Mancher lehnt es ab, sich zu erkennen.
In der Finanzwelt, emotionslos und ohne Empathie,
geht es um gewaltige Spekulationssummen,
die die Sinne vernebeln –
exorbitante Gewinne führen zum Größenwahn
und Realitätsverlust – ein Kollateralschaden.
Einen Steuermann gibt es nicht mehr, Gott hat das Boot
verlassen – und schweigt.
Sich vordergründig zur Schau zu stellen,
ist zu einer Seuche geworden.
Die Schöpfung hat es nie gegeben.
Und eine zweite Evolution ist kaum nachzuvollziehen.
Das wirft die Frage auf:
Wohin uns die erste führt, wenn das so weitergeht?
 
 

Quintilian sagt, daß bei allen (Schreibern) etwas Brauchbares zu finden sei – doch geht er von den besten aus. Und wen er alles beim Namen nennt! Und wie er ihr Schreiben beim Namen nennt: Erstaunlich, tragisch, ausdrucksstark, angemessen,  vorwärtstreibend, glaubwürdig, philosophisch, zuwenig straff, unbedeutend, vollkommen belanglos, voller Reize, sittlich gut, scharfsinnig, anmutig, poetisch... Mit wenigen Pinselstrichen des Geistes erhalten wir ein Bild vom äußeren Glanz des poetischen Werkes. Genügt das? –
Warum greift niemand, auf unsere heutige Zeit übertragen, 2000 Jahre nach Quintilian, die Gliederung der Gedanken einer Geschichte auf? Warum läßt man den immanenten Sinn im Ablauf eines poetischen Textes unberücksichtigt und fragt nicht nach der Würde des Ausdrucks, meinetwegen auch nach der humanen Form, die das Bild des Ganzen beeinflussen kann? Und, was am wichtigsten erscheint: Wer sagt uns das, was wir (noch) nicht wissen können? Und warum ist es seine Sache, etwas zu sagen, was eigentlich nur ihn angeht? Ist nicht jedes gefundene Wort ein Prüfstein unserer Gedanken?




Alle 7 Tage!
Aphorismen aus den 1970er Jahren!


Das Recht auf Arbeit sollten wir uns auch von
Vertretern des Establishments
nicht unterminieren lassen.

*

In der Strategie des Überlebens war er
ein Meister des Verdrängens.

*

Was nützt das Vorrecht des Dichters,
seiner Zeit den Spiegel vorzuhalten, wenn
niemand sich darin erkennen will.

*

In der Langeweile liegt eine gefährliche Tendenz
zum Nichtstun.

*

Mit stiller Verachtung sah er auf die unkritische Lebensart
der Reichen; seine merkantilen Eroberungszüge
blieben davon unberührt.
 
Aus: Botschaften an die Sinne
Reihe: Cimarron bibliophil



Leser's Wiederholungswunsch, der aus dem Team kam.
 
Dem Vergnügen, sich am Schreiben schöner
(und pointierter) Gedanken zu erfreuen,
stellt Herr P. aus R. in unfairer Weise, und
völlig eigennützig, seine Armada aus
Mittelstreckenraketen entgegen,
ohne ein einziges Mal nach dem Sinn des
Schreibens schöner (und pointierter) Gedanken
gefragt zu haben. Wozu dann die Raketen?!


Geben wir den wahren Erzählern das Wort zurück,
das immer mehr Unberufene als Leitsymbol
eines Verständnisses für Literatur ansehen, der
sie als Unberufene in ihrer Tiefenwirkung
nicht gewachsen sind.


Wer in den Tagen einer unaufhaltsamen
digitalen Machtentwicklung glaubt, er könne
die Bürger mit nationalen Floskeln
auf seinem undefinierbaren Weg erneut
in eine politische Katastrophe führen, vergißt
bei seiner absurden Hetzjagd der Gefühle,
daß die aufgeklärten Bürger unserer Zeit
schon lange einen individuellen Status pflegen,
den keine Ideologie dieser Welt brechen kann.


Welch ein zauberhafter Gegensatz von Mann & Frau –
im Zustand der ersten Begegnung.
Und wie leicht der Zauber uns verlassen kann,
wenn wir, von allzu großer Ähnlichkeit ernüchtert,
uns nach der Rückkehr des ersten Zustandes sehnen.

Aus: Späte Visionen (Aphorismen)


Leser's Wiederholungswunsch
 
Als wir vom vierbeinigen zum aufrechten Gang
übergingen, hätten wir ahnen müssen,
daß jetzt eine neue Art der Persönlichkeitsentfaltung
anbrechen würde – mit allen schönen Eigenschaften
der menschlichen Rasse.



Neuer kategorischer Imperativ:
Niemals den Sinn eines Lebenstages
infrage stellen.
Nichts rechtfertigt den Verstoß gegen ein Lebensprinzip,
dem wir nur einmal angehören.
Es sei denn, die Überlebensperspektive
läßt uns keine andere Wahl.



Eine bemerkenswerte Perspektive, die uns
Sallust überliefert: Früher fand der einzelne
Bürger Schutz in der Mehrheit.
Wissen unsere Parteiführer eigentlich, was
sie angerichtet haben? Oder hat unsere Demokratie
die Zeit verschlafen?
 
Aus: Nicht über den eigenen Schatten springen
 

Manche Umstände bleiben unveränderlich
 
Unvorstellbar tapfer strebt die türkische Seele,
bei allen Widerständen des Glaubens,
nach dem Sinn der Demokratie.

Rhetorische Rohlinge haben keine Ahnung,
wie schwer es ist, in Zeiten der Vernunft
mit diplomatischer Gelassenheit eine falsche Meinung
als wahr zu interpretieren.

 

Aus: Späte Visionen (2019/20) - Autor: Gregori Latsch

Leser's Wiederholungswunsch

Liao Yiwu erzählt von seiner Gefängniszeit in China:
Fesseln, Schläge, Elektroschocks, Hitze, Kälte.
Und ich dachte, Laotse wäre bis Peking gekommen.

 

Aus: Freundliche Attacken
 
Wir dürfen nicht vergessen,
daß auch Kinder Träume haben,
die eine stille Lebenshoffnung sind.
 
Aus: Späte Visionen (2019/20)
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