Aus: Die Schöpfung war ein Irrtum
Reihe: Cimarron bibliophil
 
Esprit Spannung

Er ist weder Gott noch Mensch

Seit er auf dem Jahrmarkt seine Reden hält, nimmt das Geläster der Leute über seine scharfe Zunge kein Ende. Was ermutigt den Herrn des tiefen Blicks, der ohne Zweifel nicht aus unseren Breiten ist, die Lüge zu bestrafen, der Metapher alles Leben zu geben, und wenn es ein unlösbares Rätsel ist?
Seine Worte dringen in die Menschen wie ein Stachel. Sie schütteln sich, sehen ihn schräg an, den weißhaarigen Alten, der unbesorgt alles aus sich herausschreit, als gelte es, den Absturz der Welt mit Worten aufzufangen.
Kein gutes Wort läßt er an seinem Widersacher von nebenan, einem listigen Säufer, der wie er unbefangen über alles hinwegsieht, die falschen Normen mißachtet, ungeniert über das Vergnügen am Leben plaudert, die jungen Dinger betätschelt, ihre Röcke nach oben hebt und Klatsch! Klatsch! Klatsch! die Hände lustvoll vibrieren läßt.
Niemand wagt es, sich einzumischen. Sie sind wie ein Sturzregen in den Tag hereingebrochen, verblüffen durch ihre traumhaft sichere Rhetorik, untergraben den Willen der Umstehenden nach Widerspruch, und geben Rätsel auf, die ungläubige Gesichter nach sich ziehen.

Das Auge des Kriegers

Das Auge des Kriegers ist blind, es ist getrübt, es schielt, schwere Tropfen fallen herab. Vom vielen Sehen ist es wund geworden. Es hat dem Tod ins Auge gesehen und ist vor dem Leben geflohen. Es hat den Tod gehaßt und dem Leben mißtraut. Was für ein Dilemma!
Stets mußte es offen für alle Widrigkeiten eines Kriegerlebens bleiben. Wehe, wenn es im falschen Augenblick nach innen gesehen hätte, um sich zu erholen vom Schlachtengetümmel, an das es so sehr gewöhnt war, das es liebgewonnen hatte!
Nein, keinen Spaltbreit Licht hat es ungenutzt gelassen! Und selbst wenn die Dunkelheit es quälte, hat es gesiegt.
Während der Krieger durch das Land geht, verhüllen die Wolken ihn; schützend legt sich der frühe Abend auf ihn, bedeckt seine alten, kräftigen Hände, läßt die Angst unsichtbar werden.
Der Krieger ist nicht Gott. Und Gott ist nicht der Mensch, der in das Auge des Kriegers sieht. Darin liegen die Gefahren des Kampfes, die Lust am Sieg, der schmerzvolle Abschied von treuen Gefährten.
Das Auge des Kriegers führt das Schwert wie einen Gänsekiel, es durchschneidet die Luft. Auf seiner blitzenden Klinge tanzt das Licht, wirft sich dem Gegner mutig mit gleißenden Strahlen entgegen.
Und wie es lachen kann, das Auge des Kriegers! Es dröhnt über die Berge, durchdringt den Wald. Und wie es trauern kann, das Auge des Kriegers! Kein herbstlicher Abend kennt stillere Farben.

Textbeispiele aus den jeweiligen Geschichten.
 

Leser's Wiederholungswunsch

Kleines aphoristisch-philosophisches Potpourri

Immanuel Kant - Nikolaus von Kues - Blaise Pascal


„Le vieux Caton disait en son temps, qu’autant de valets autant d’ennemis.“ („Der ältere Cato sagt,
daß die Weisen mehr von den Toren zu lernen haben, als die Toren von den Weisen.“)
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Die Vernunft ist eine Kompetenz, an der jeder Mensch teilhat und die zu Einsichten befähigt, die weder einer nur in Studierzimmern zu erwerbenden Gelehrsamkeit noch einer Rednerbegabung bedarf.
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„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes
zu bedienen!“
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Der Vernunft spotten heißt, der wahren Vernunft
das Wort reden.
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„Der Mensch lebt so notwendig aus Leidenschaften heraus, daß es nur eine andere Art von Leidenschaft wäre, keiner Leidenschaft zu folgen.“
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Aus:
„Les hommes sont si nécessairement fous“
Skizze einer alternativen Philosophiegeschichte
Autor: Otfried Höffe
Reihe: Cimarron libris, Band 15

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