Reihe: Cimarron libris

Wesley sah nachdenklich auf das gefüllte Glas. „Ich lasse mich auf ein gefährliches Abenteuer ein.”
„Ist das gefährlicher, als ein...”
Er beugte sich nach vorn und legte ihr einen Finger auf den Mund.
„Sprechen Sie es nicht aus. Ich bin ein Opfer meines Berufes. – Lady, wissen Sie, woran Sie mich erinnern?”
„Nein. Sagen Sie es, ich liebe Überraschungen.”
„Zerbrechlich geworden sind die Zeiten unseres Glücks. – Wer einen Platz im Leben sucht, verirrt sich leicht auf den Wegen der Hoffnungslosigkeit. – War die Zukunft nicht schon immer ein steiniger Weg?“
„Eine charmante Hommage an die Zeit. Und Sie vergessen darüber nicht Ihre Suche nach den dreißig Millionen?”
„Nein, die bette ich ein in den Umgang mit der Spr... Sprache.” Seine Worte waren gestolpert. Er vertraute seinem Instinkt, auf dem richtigen Weg zu sein.
„Sie vertragen wohl nicht viel Alkohol?”
„Ich muß aufpassen, daß dieser flüssige Teufel nicht ganz von mir Besitz ergreift.”
„Ich glaube, Sie haben Vertrauen zu mir.”
Er zeigte ihr ein breites Grinsen, das sie dem Alkohol zuschrieb. „Das ist Taktik, Lady, nichts weiter.”
„Warum sagen Sie nicht Angelika zu mir?” Sein Zustand schien sie zu amüsieren. Der Alkohol hatte ihre Erinnerung an die noch immer gefährliche Lage, in der sie sich befand, zurückgedrängt.
„Sie sind eine Lady, meine Lady...” Nach diesen Worten stand er auf und nahm sie in die Arme.
„Sie sind sehr besitzergreifend.”
Er küßte sie auf den Hals. „Das bringt der Beruf mit sich.”
Sie hielten sich umarmt. Die Frau stoppte seine Zärtlichkeiten. Der Blick ihrer Augen sagte ihm, daß sie Feuer gefangen hatte. Die Situation hatte sich zu seinem Vorteil verändert. Er wußte nicht, ob er darüber glücklich sein sollte. Seine Gefühle waren echt. Und darauf kam es an.
„Wer sind Sie wirklich? Ich weiß nicht mal Ihren Namen. Sie sind nicht der, den Sie mir vorspielen wollen.”
„Lady, wir haben alle unsere kleinen Fehler. Wie heißt es so schön bei den Dichtern: Der Riß im Fundament unserer Gedanken weitet sich aus. Zaghaft vermehren sich die kleinen Qualen des Alltags. Warum dem Leben unsere Trauer zeigen!”
„Ich... weiß nicht, was geschehen ist, aber Sie haben mich verwirrt...” Sie lehnte sich an ihn und legte ihre Arme um seine Schultern.
„Sie sollten noch einmal darüber nachdenken, Lady.” Die weichen Konturen unter ihrem Negligé ließen seinen Händen keine Ruhe.
„Ich sehe immer mehr Gemeinsamkeiten, die uns verbinden – und doch auch voneinander zu trennen scheinen.”
„Es ist die Sprache, Lady, die Sie beeinflußt hat. Sie kann Wunder bewirken. In unserem Fall hat sie wohl Gemeinsamkeiten sichtbar gemacht.”

Reihe: Cimarron libris

„Wie denkst du über Graffiti?“
„Wie kommst du darauf? Hat das was mit deiner guten Laune zu tun?“ Er lächelt mich verzweifelt an.
„Du wirst dich wundern, wie gut ich drauf bin, wenn du erst alles erfahren hast. Andere würden das weniger leicht wegpacken.“ Dabei lehnt er sich wieder zurück, er spreizt seinen Mund, die Zähne werden sichtbar, dann klappt sein Gebiß zusammen. Kein gutes Zeichen für ein glückliches Wohlbefinden.
„Ich mag das Geschmiere nicht. Es ist widerlich, aufdringlich. Es kann eine Stadt verunstalten. Mit einem Wort, das Zeug geht mir auf die Nerven.“
Er hört mir aufmerksam zu, dann sieht er lächelnd Billy an, der mit frischen Getränken auf uns zukommt. Billy reagiert irritiert.
„Tag, Billy!“
„Tag, Eddie!“
„Warst du in Urlaub?“
„Wie kommst du darauf?“
„War nur so eine Frage.“
Ich sehe von Billy zu Eddie, stoße ihn unauffällig mit dem Fuß an. Billy stellt die Getränke ab. Von der Tür her ruft jemand nach ihm. Billy wendet sich seinem Kollegen zu. „Ich komme!“
„Er ist von Natur aus so braun, das weißt du doch“, sage ich leise. Was hat Eddie nur so durcheinander gebracht! Ich mache mir Sorgen um ihn.
Wir heben die Gläser und prosten uns zu. Das kühle Getränk befreit uns einen Moment von der Hitze in unserem Körper.
„Ich habe mich eine Zeitlang damit beschäftigt...“
„Mit Graffiti?“ frage ich. Er nickt.
„Die Insider halten diesen Schmus für Kunst.“
„Die Medien mögen Provokationen, egal aus welcher Ecke sie kommt. Graffiti heizt die Gemüter an, das weißt du doch.“
„Die Gemüter der Betroffenen ganz sicher. Diese Leute reagieren mit Haß auf die Verunstalter ihrer Häuser.“ Das kommt bitter von Eddie; so kenne ich ihn nicht.
„Was hast du damit zu tun? Dein Büro und die Wohnung...“ Weiter komme ich nicht.
„Hör zu, es ist etwas verdammt Böses passiert. Und ich stecke mittendrin. Ich weiß nicht, wie das ausgehen wird.“ Er denkt einen Moment nach. „Ein Glück, daß er mich für einen Penner hält.“
„Du hast anonym gearbeitet?“
„Ja.“
„Was ist geschehen? Laß mich nachdenken... Du hattest einen Auftrag...“
„Sehr gut, Watson!“
„Aber was für einen?“
Eddie greift in sein Jackett und zieht daraus einen fingerdicken Briefumschlag, den er unter dem Tisch öffnet. Er ist prall gefüllt mit Banknoten. Er greift in das Bündel und zieht daraus ein paar Scheine, die er vor mir auf den Tisch legt.
„Du kriegst noch fünfhundert von mir.“
„Aber, Eddie...“
„Nein, nein, bitte, ich kenne deine kaufmännische Seele.“
„Okay, wenn du so viel übrig hast, soll es mir recht sein.“
Er steckt das restliche Geld weg, greift nach dem Glas und gönnt sich einen langen Schluck. Danach wirkt er entspannter.

Aus: Später Besuch Aus: Monreale
   
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