Esprit

Spannung
Google durchsucht mehr als eine halbe Milliarde Internetadressen. Google weiß über jeden digital aktiven Bürger mehr, als sich George Orwell in seinen kühnsten Visionen in „1984“ je vorzustellen wagte. Google sitzt auf dem gesamten gegenwärtigen Datenschatz der Menschheit wie der Riese Fafner im „Ring des Nibelungen“: „Hier lieg’ ich und besitz’.“ Ich hoffe, Sie sind sich der besonderen Verantwortung Ihres Unternehmens bewusst. Wenn der Treibstoff des 20.Jahrhunderts fossile Brennstoffe waren, dann sind Daten und Nutzerprofile ganz sicher der des 21.Jahrhunderts. Man muss sich fragen, ob Wettbewerb im digitalen Zeitalter generell noch funktionieren kann, wenn Daten so umfangreich in der Hand einer Partei konzentriert sind.

Es gibt in diesem Zusammenhang ein Zitat von Ihnen, das mich beunruhigt. 2009 haben Sie gesagt: „Wenn es Dinge gibt, von denen Sie nicht wollen, dass irgendjemand etwas darüber erfährt, dann sollten Sie so etwas nicht tun.“ Noch beunruhigender ist nur der Satz von Mark Zuckerberg, den er auf dem Podium der Sun-Valley-Konferenz sagte, während Sie und ich im Publikum saßen. Jemand fragte, wie es Facebook mit der Speicherung von Daten und dem Schutz der Privatsphäre halte. Und Zuckerberg sagte: „Ich verstehe Ihre Frage nicht. Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.“

Immer wieder musste ich über diesen Satz nachdenken. Ich finde ihn schrecklich. Ich weiß, es ist sicher nicht so gemeint. Aber dahinter stehen eine Geisteshaltung und ein Menschenbild, das in totalitären Regimen, nicht aber in freiheitlichen Gesellschaften gepflegt wird. Einen solchen Satz könnte auch der Chef der Stasi oder eines anderen Geheimdienstes einer Diktatur sagen. Das Wesen der Freiheit ist doch gerade, dass ich nicht verpflichtet bin, all das preiszugeben, was ich tue, dass ich das Recht auf Diskretion und, ja, sogar Geheimnisse habe, dass ich selbst bestimmen kann, was ich von mir preisgebe. Das individuelle Recht darauf macht eine Demokratie aus. Nur Diktaturen wollen anstatt einer freien Presse den gläsernen Bürger.

In Brüssel machen sich jetzt Beamte Gedanken, wie man durch eine Einschränkung der Cookie-Setzung und Speicherung (anhand deren man heute noch nachvollziehen kann, auf welche Website man etwa am 16.April 2006 um 10.10 Uhr geklickt hat) im Internet die totale Transparenz der Nutzer vermeiden kann, um damit Verbraucherrechte zu stärken. Wie diese Regelung genau ausfällt, wissen wir noch nicht, ob sie mehr Gutes als Schlechtes bewirkt, auch nicht. Eines aber steht jetzt schon fest: Käme Sie, gäbe es einen Gewinner: Google. Denn Google gilt in Expertenkreisen als absolut führend in der Entwicklung von Technologien, die die Bewegungen und Gewohnheiten der Nutzer dokumentieren, ohne Cookies zu setzen.

Aus: Lieber Eric Schmidt
Autor: Mathias Döpfner

Der Butler nickte verständnisvoll. „Er scheint ein ehrenwerter Mann zu sein.“ Macbeth nahm die Spur eines Kaninchens auf und entfernte sich von den Männern. Allerdings auf eine unglaublich lässige Art.
„Haben Sie seinen Hund gesehen?“ Nordenfeld hatte eine Menge übrig für gut erzogene Vierbeiner.
„Ein Mischling mit zotteliger Mähne. Ein kluges Tier. Ich habe ihm von Macbeth erzählt…“
„Was Sie nicht sagen!“ Die beiden Männer lächelten.
„Ja, ich glaube, die beiden würden sich gut vertragen.“
„Was gibt es sonst noch…?“
„Oh! Seine Sekretärin heißt Anna-Marie. Sie betreut überwiegend den Hund. Ach, ja, Homer ist sein Name.“
„Sehr originell!“
„Der Name stammt von Spillys Freund, Harry Versbach.“
„Versbach!?“ wiederholte Nordenfeld nachdenklich.
„Ja. Sie kennen ihn?“
„Nicht persönlich. Er ist ein Poet. Aber das ist nicht sein Brotberuf. Ich habe ein Buch von ihm: Winterschlaf.“ Nordenfeld entdeckte den überraschten Blick seines Butlers. „Wollen Sie es mal lesen?“
„Gern!“
„Ich lege es Ihnen nachher auf den Tisch.“ Er hielt inne. „Ach, da fällt mir ein, in der Bibliothek liegt eine Einladung zu einer Lesung von Herrn Versbach, oder von seinem Buchhändler, ja, ich glaube, sie kam von Schramm, der sich tapfer hält. Ich sage Ihnen später den Termin.“
„Wünschen Sie, daß ich Sie begleite?“
„Unbedingt. Wir sollten zusammen dort erscheinen. Noch ein Wort zu Herrn Spilly: Gibt es eine Liaison zwischen ihm und seiner Sekretärin?“
„Ich glaube nicht. Sie ist noch sehr jung, in gewisser Weise sogar verspielt, und sie erinnert mich an meine Tochter.“
Sie waren an ihrem Ziel angelangt, einem massiven Gartenhaus, unter dem sich Bols’ Gefängnis verbarg.
„Warum haben Sie nie geheiratet, Albert?“ Nordenfelds spontan gestellte Frage brachte den Butler in Verlegenheit.
„Sie wissen, daß die Erinnerung daran wenig ermutigend ist.“
„Entschuldigen Sie!“
Gross schloß die Tür zum Gartenhaus auf. Er wandte sich noch einmal Nordenfeld zu. „Es hatte wenig Sinn, mit einer Frau zu leben, deren Liebe ich mir nicht sicher war.“
„Ich verstehe.“ Nordenfeld ging in den Garten zurück. Nach einigen Schritten drehte er sich um. „Gehen Sie davon aus, daß Spilly irgendwann unseren Gast sehen will.“
Der Butler war in der geöffneten Tür stehen geblieben. „Ich werde mich darauf vorbereiten.“ Sein Verantwortungsgefühl kannte keine Grenzen. Er liebte Situationen, in denen seine Entscheidungsfreiheit gefordert war.

Aus: Bringen Sie mir Richard Bols
Autor: Hans Wolf Dellinger

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