Hissa Hilal. Die Verschleierte.

In ihren Worten Schönheit und Bedeutung
sammelnd, wandert Hissa Hilal
durch die Zeit.

Und sagt, daß sie die Stimme hinter der
Verkleidung ihrer Augen und des Mundes sei.

Und was sie sonst noch sagt, wir
wissen‘s nicht. Sie weiß, daß Frauen
die Seele der Gesellschaft sind.

Saudi-Arabien ist ihr Heimatland.

Und daß sie sich befreien will von jener
Pflicht, die ihr gebietet, einen Mann
um Rat zu fragen, wenn sie, nach alter Tradition,
in einer Sache nicht allein entscheiden darf,
das ist ihr Herzenswunsch.

Und sie erinnert an die Frauenrechte,
die niemand auf die Tagesordnung setzen will;
wo es doch keine schönere Sache gibt,
als eins zu sein mit seinem Partner, und
Menschlichkeit der Grundstock ist für ein
Zusammenleben, nicht nur zu zweit.

Hissa Hilal trat in Saudi-Arabien für Frauenrechte ein. In einem Poesie-Wettbewerb in Abu Dhabi erschien sie verschleiert, als einzige Frau, unter lauter Männern, was ein weltweites Aufsehen erregte. An ihrer Lebenssituation hat sich seither nichts geändert. Es gibt Länder, deren religiös bedingte Situation nicht dazu taugt, den Begriff Menschlichkeit auf eine profane Weise zu interpretieren.

Das obige Poem ist ein poetischer Akt der Solidarität mit jenen Frauen, die von altersher sich dem unberechenbaren Faktor Leben in ihrem Lande angeglichen haben. Ist das eine Stärke der Betroffenen?

Gregori Latsch - Juni 2018

Erscheint in: Späte Visionen 2019/2020 (Letzte poetische Texte.)

 

Miloš Forman in memoriam

Forman flog über das Kuckucksnest –
und sah, wie Nicholson, allmählich

aus dem Gleichgewicht gebracht, die
Geduld verlor, und eigentlich nur sagen

wollte, woran er dachte, wenn man ihn,
wie ein Tier, durch Klinikflure trieb.

Für seinen Aufschrei aus der inneren Not
versagte man ihm den Applaus, und daß er
dafür büßen mußte, stand ihm bevor.

Nach der Behandlung war er still wie
eine Kirchenmaus, und wäre wohl für

alle Zeiten still geblieben – ganz ohne
Phantasie; wenn nicht sein Freund, der Indianer, ihn

von der Schmach erlöste, scheu wie ein Tier
zu sein, als gäbe es das ganz normale Leben nicht.

Für diesen Film von Miloš Forman gab es
die höchsten Preise. Und unvergeßlich

werden seine Szenen sein, die überfließen können
in unsere eigene Zeit, mit ihrer selbstgewählten
Lust nach Glück und visueller Eitelkeit.

Einsam sind die Tapferen - in memoriam

Stephen Hawking ist ein tapferer Mann, und Hawking sagt:
Philosophie ist tot. Die Wissenschaft von der Physik
macht die Entdeckungen, auf die der klare Geist
gewartet hat, und auch die Suche nach Erkenntnis
bringt nur sie voran.

Erkenntnis... Erkennen, was wir sehen und hören, und
was sich unzweideutig im Bewußtsein variieren läßt.

Doch was wir wissen wollen, sollen, können, bricht nicht
aus irgendwelchen Teilchen, die irgendwann den Anfang
gaben, und irgendwann uns auch das Ende geben. Es
sei denn, die Bestimmung unseres Seins ist, mitzuerleben,
was im Kleinsten und im Makrokosmos vor sich geht.

Und Hawking sagt auch: Nicht Schritt gehalten habe
jener Freund der Weisheit mit neueren Entwicklungen
in den Wissenschaften der Natur; gemeint ist wohl
das Wissen um die Grenzenlosigkeit des Alls.

Als läge uns der Himmel näher als die kalte Wut
des Nachbarn, mit dem sich nicht mehr reden läßt.

Was ändert sich an unserer Suche nach dem Sinn
des eigenen Seins, wenn wir erfahren, daß es einen
Schöpfer gibt? Wird das Gefühl der Weisheit dann
beleidigt sein? Und tausend andere Fragen gibt es noch.

Und wenn es etwas anderes ist, ein Ding, das von
allein den ersten Baustein schuf, uns das Vergnügen
eines kurzen Traumes gibt, das große Wunder, das
auch Leben heißt, auf seine Fahne schreibt, versteckt
in einem Schwarzen Loch, wird Stephen Hawking
nie erfahren, was sich darin sonst nocht verborgen hält.

Vielleicht die Antwort auf die Frage nach dem
Sinn der Welt, und wer sie uns bis heute vorenthält.
Doch Schwarze Löcher laden nicht zum Diskutieren
ein. Sind sie ein Treffpunkt der Unendlichkeit?
Der Spielball einer Zeit, die längst vergessen hat,
woher sie kommt?

Wie schön, daß es auch Menschen gibt, die keine
Fragen stellen nach dem Überlebenssinn.

Sentimentale Erinnerung

Alles geben die Götter,
verborgen und weise,
ihren Lieblingen ganz.

Die endlosen Qualen des
Sicherkennens, die äußere Not,
die Mißgunst ihrer Zeit, nutzloses
Tun – und wenig Spaß, ganz.

Und was die Freuden betrifft,
die unendlichen, verspüren die
Lieblinge seit ihrem ersten Tag
die Angst, wovon sie niemand befreit.

Und nur unter Schmerzen erkennen
sie, ganz, was sie zu sagen haben,
im unerbittlichen Lebenstanz –
wie es den Göttern gefällt.

 

Aus: Eine Nation ist kein Garten Eden

Aus: Späte Visionen (2019/2020) - Autor Gregori Latsch

Hommage an die Frauen
Weltfrauentag 8. März 2018

Laß rauschen, Lieb

Wenn ich beginne zu schildern
die Wohltaten aus deiner Hand, Helen,
die uns so lange schon beglücken –
zu allererst das köstliche Brot
in vier verschiedenen Laibern,
eine Monatsration...

...da sahst du mir beim Schreiben zu,
in unserem liebsten Bereich,
am Küchentisch, wo ich zur Feder
griff, und hörte, wie du sagtest:
„Laß rauschen, Lieb, laß rauschen.“

Das klang so sonderbar. Es waren Zeilen
aus vergangenen Tagen, der Sammlung
„Wunderhorn“, die wem auch immer galten,
jetzt legten sie sich zärtlich auf den Sinn
und hielten in der Schwebe die Gedanken.

Was für ein Glück für mich!

Zurück in meiner Kemenate wußte ich,
daß es unmöglich war, Helen mit einem
Poem nur zu preisen – zu wichtig waren
ihre Taten und Gedanken.

Dann hörte ich, wie sie den schönen Text
zu Ende sprach, so vor sich hin...

„Ich weiß nicht, wie mir wird.
Die Bächlein immer rauschen.
Und keines sich verirrt.“


...an einem dieser Tage, die wir Leben nannten.

Amazone 2018

Jeden Morgen sprengt sie
mit ihrem Pferd in den Tag,
reitet wie eine Furie, ungesattelt,
über das Feld, kämpft mit dem
Bogen -
manchmal verdunkeln ihre Pfeile
den Himmel.

Kehrt sie am Abend zurück,
kämpft sie nur gegen sich selbst.
Still versieht sie die Pflicht,
gewappnet zu sein -
mit liebenden Lasten versinkt sie
im Schlaf.

Wird sie zu Grabe getragen,
werden Spätere sagen:
Hier ruht ihr Pferd, ihre Rüstung,
ihr Bogen, der Alltag, das Haus.

Wann konnte sie träumen?
Wo ruhen sich ihre Gedanken aus?

Eine Frau

Sie konnte immer noch im Blick verführen,
sie sah dann wunderbar verlegen aus.
Sie glaubte an die Zauberkraft der Liebe,
und kam ganz ohne Worte aus.
Im warmen Aufwind der Gefühle
verlor sie sich, dem Reiz des Schönen zu erliegen,
war ihr eine Pflicht – die Liebe fand sie nicht.

Wenn sie die Haare streng zur Seite kämmte,
vom frischen Bad noch ganz benommen war,
und sich in Pose stellte, um herauszufinden, in
welchen Jahren sie am schönsten war,
erkannte sie, daß sie sich immer noch erfreute
an ihrem Spiegelbild.

Sie blieb sich treu, sie konnte sich nicht ändern,
sie wollte eine Frau mit ganzem Herzen sein–
und einfach nur beglücken. Das gelang ihr auch.
Und jedesmal, wenn sie sich darin übte,
zerbrach ein Stück von ihrem Lebenstraum.

Das ist Erinnerung, sie hält die Trauer auf,
und läßt die Zeit für einen Augenblick
im frühen Glück der alten Zauberkraft an uns
vorübergehn, als wäre nichts geschehn.

Dann bringe ich dir Blumen, Rosen

Wenn irgendwann, und scheinbar unverhofft,
der Augenblick gekommen ist,
in dem du vor dem Spiegel stehst,
mein Engelchen,
und statt des schönen Lächelns
ein verkrampftes Staunen siehst,
kaum mehr erinnerlich die schöne Zeit,
in der ich eingenommen war
von deiner frühen Art,
die nur im Liebreiz einer Frau gefangen ist,
dann bringe ich dir Blumen, Rosen, unvergänglich schön,
auch wenn sie welken,
weil sie immer wiederkehren;
und meine Hände streicheln dein Gesicht,
und unsere Augen suchen sich -
was für ein Licht darin, das ungebrochen ist!
Die Tränen stören nicht.

Es ist ein Glück, daß wir uns immer noch verstehn.
Und ganz am Ende küß ich dich.

Aus: Gib acht, mein Herz


Neu! TORSO
Das Wiedererscheinen des jungen Wolfgang von...
in der Goethestraße.

Unser Credo

Was da ist: Eine Literatur, deren Sinn darin besteht,
uns die Augen zu öffnen, sich den übrigen Sinnen mit
Respekt zu nähern; sind es doch immer unsere
 eigenen Gedanken, denen wir am liebsten folgen.

Und im Visuellen den klaren, geheimnisvollen und
schönen Formen vertrauen,
sie vervollkommnen unseren Blick.

Und sparsam sein im Umgang mit Erklärungen,
Dialogen und Beschreibungen.

Besteht doch, nach Voltaire, das Geheimnis
des Langweilens darin, daß man alles sagt.

Gute Literatur muß sich gedanklich
vernetzen, und einen Vergleich mit jenen
Texten eingehen, die unsere gegenwärtige
Literatur ausmachen wollen;
auch wenn das immer auch eine
subjektive Angelegenheit ist, kommt es
dem Cimarron-Team darauf an,
Literaturinteressierte- und ausübende
zu kritischen Reflexionen anzuregen.

"...in der Sparsamkeit der Worte steckt eine
wunderbare Energie und Wirkungskraft;...
gerade in der Kürze offenbart sich ein
beglückender Überfluss..."
Francisco de Quevedo

"Ein Buch ist ein Gegenstand unter vielen... bis es seinem Leser begegnet...
Was dann geschieht, ist jene einzigartige Emotion namens
Schönheit, das wunderbare Mysterium, das weder Psychologie noch
Kritik beschreiben kann..."
Jorges Luis Borges

 Cäsar besticht durch Klarheit und Eleganz und vor allem durch eine vollkommene Ausgewogenheit zwischen Inhalt und Form Der Attizist und Purist meidet seltene Worte, gar Fremdwörter, und bedient sich einer durchsichtigen, schnörkellosen, ganz dem Inhalt unterworfenen Satzstruktur.

Thomas Baier - Aus: Geschichte der römischen Literatur

Warum nicht einmal sich selbst erschüttern lassen,
begeistert aufschreien, einfach glücklich sein!

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Vom Zauber poetischer Texte

Dem poetischen Schreiben ist nicht auf die Schliche zu kommen. Es hält uns zum Narren. Es verwirrt unsere Sinne. Wir sind die Nachzügler seiner Gedanken. Mit einem Wort: Es ist eine Sphinx, ein Rätsel. Es nimmt uns an die Hand, als wären wir ein Kind - und erzählt uns die erstaunlichsten Geschichten, die uns erschrecken, erfreuen, trösten und begeistern können.
Und dann, am Ende unserer Zeit, sagt es uns auch, daß der Sommer unserer Gedanken vorüber ist. Vielleicht aus Mitleid mit uns dürfen wir in jene frühen, schönen Tage zurückblicken. Wenn es dazu gekommen ist, sollten wir ein anderes Verhältnis zu unserer Muse, dem poetischen Ich, suchen. Der Phantasie wird es gelingen, aus der Themenvielfalt des Lebens jene herauszufiltern, zu denen sich manches neue Wort finden läßt.
Auf diese Weise gelangen wir mit unseren Gedanken wieder an den Anfang. Die philosophischen Betrachtungen sind vergessen, die dunklen Wortbedeutungen waren nie unsere Stärke, und zur Vergangenheit schließen wir die Tür der Erinnerung.
Was bleibt uns noch zu sagen? Die Zuneigung zueinander, die Freude am Leben, das Gefühl des Glücks, das wir empfinden, ohne den Grund dafür zu erfahren. Wir erfinden neue Geschichten, aus allen Zeiten des Lebens. Wir vertrauen dem tröstenden Wort. Es ist unsere Sprache, mit der wir unser Leben beginnen und auch beenden.

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CIMARRON's Art
Eine Handvoll ver-rückter Gedanken


Nur nicht zuviel Ernst verbreiten
Mehr Solidarität wagen.

Wer wir sind - und warum das
auch anders gesagt werden kann.

Ist das Cimarron-Team noch zu retten?
Eigentlich stellt sich diese Frage...
nicht mehr.

Trifft es zu, daß Cimarron im Gespräch
mit außerirdischen Wesen steht?
Im Prinzip ja! Zu klären ist noch,
welche Rolle die Phantasie dabei spielt.

Was ist Cimarron?
Eine der Möglichkeiten, möglichst viel
von dem zu verschweigen,
was ohnehin nicht mitteilenswert ist?

Was hat Cimarron zu sagen,
wenn es nichts mehr zu sagen gibt?
Unterschätzen wir nicht die Möglichkeit
eines beredten Schweigens.

Vom ersten Tag an erschien Cimarron
der Gedanke verführerisch,
mit allem noch einmal von vorn zu beginnen -
wieso findet dieser Anfang kein Ende!

Kommt es immer noch darauf an, sich in
die Phalanx der Großschriftsteller zu stellen,
wenn ein Cimarron-Autor den Erfolg sucht?
Das ist vorstellbar, solange die Phantasie
als alleinige Waffe anerkannt wird.

Vom schönen Buch wird auch gesagt,
daß es unsere ästhetischen Sinne unnötig einnehme,
ohne den gedanklichen Inhalt zu würdigen.
Das ist eine große Aufgabe - nicht nur für Cimarron -,
diesen ästhetischen Anschein
in eine Balance mit den Worten zu bringen.


CIMARRON
...gibt es nur einmal im Leben.

Das Buchprogramm mit einer Reihe
schöner (belletristischer) Überraschungen
finden Sie unter www.Cimarron-art.de

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www.Cimarron-art.de
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