Frei

Unterm Mikroskop
scheibchenweise
habe ich
dich
in mir
getötet.
Endlich laufe ich
frei allein,
bis ich ausser Atem bin.

Autorin:  URSULA HAAS

 

Aus: Cimarron '78 - Thema: Freche Lyrik und lasterhafte Balladen

Leser's Wiederholungswunsch

Neuen Atem schöpfen

Zieh mich zurück in eine Einsamkeit, die hilflos
nach dem Sinn des Lebens greift –
und nie erreicht.

Nach außen dringt kein Laut, der Himmel schweigt.

Und ich muß mir mit meinem Los gefallen,
ein anderer zu sein, der ich nicht bin.
Und seh in allen Künsten nur ein Lallen
und einen blassen Partner, dem man gern vergibt.

Was für ein Glück, daß wir zur eigenen Wahrheit
finden, aus der wir neuen Atem schöpfen
für den Rest der Zeit; und uns in einer
Liebe wiederfinden, die unseren Gedanken
verbunden bleibt, mit der wir selbst die Einsamkeit
bezwingen, auch wenn der Himmel schweigt.

Aus: Gib acht, mein Herz (Thema: Stadt und Land)

Shopping-Time

Der Weg durch die Stadt -
ein Spießrutenlauf für unsere Gedanken.
Nichts berührt die Steine mehr wie
der bewundernde Blick unserer Augen
auf die glänzenden Fassaden der Häuser.
In schwindelnder Höhe wohnt das Glück.

Auf den kargen, zugemauerten Plätzen,
umringt von Boutiquen des sorglosen Lebens,
wo alles Schöne glatt wie ein Aal geworden ist,
sitzt Pater Emanuel und betet für eine Erweiterung
des Glaubens aus dem Geiste der Vernunft.

In den autofreien Seitenstraßen, gefüllt mit
geschminkten Gesichtern und Körpern, die
ausgewählte Stoffe tragen, von göttlicher Phantasie
- ach, diese Farbenpracht! -, erlebt das Auge eine
unglaubliche Vielfalt bunten Lebens im
Halleluja-Rausch verführerischer Schau-Fenster.
Fenster zum Leben?

Du bist noch lange nicht so weit, den Zauber
des Shoppings abzuschütteln. Die lieblichen
und unnützen Gaben für verwöhnte Seelen
verwirren dich. Was ist das für ein Glücksgefühl,
das du empfindest? Und wer gestattet dir
den Eintritt in das Paradies?

Ist das nicht letzten Endes eine Frage der
Vernunft - und nicht des Portemonnaies?

 
 
Aus: Gib acht, mein Herz (Thema: Stadt und Land)


Als unser Land zerstört am Boden lag

Kurz nach dem Krieg, als unser Land zerstört,
verbrannt am Boden lag, was allen unverständlich war,
als schon die Aussichtslosigkeit uns hart bestrafte, und
grenzenlose Armut ganz alltäglich war; die Perspektiven
für den Neubeginn sich erst aus Schutt und Schmutz
befreien mußten, und auch die Herzen meiner Leute alles
andere waren als zuversichtlich, eher tief verstört, betrogen
um das bißchen Überlebenszeit, das sie noch besaßen -

erschienen vor dem Tribunal in Nürnberg die letzten
„Großen“ aus der braunen Horde: Göring, Kesselring und
Ribbentrop; doch Namen, auch die nicht genannten, war’n
noch nie der Rede wert, wenn hinter diesen üble Charaktere
standen, die stolz verteidigten, woran sie glaubten, auch wenn
die eigene, schmutzige Sache längst verloren war.

Wie leicht es war, als Hauptankläger diese Bande, aus dumpfem
Mief der Kaiserzeit entsprungen, zur Rechenschaft zu ziehen;
dazu bedurfte es auch nicht des Spotts, wenn Mister F. den
dicken Göring einen fetten Jungen nannte, den er mit Reden
aus der Bahn geworfen habe, und später triumphierend davon
sprach, den alten Kesselring ziemlich windelweich gedroschen
habe, was in den Ruinen unserer Städte nicht angekommen war.

So brachte sich am Ende jede Seite um die Würde, ein gerechter
Mensch zu sein. Die Frage ist, wer lauter dazu applaudierte.
Und das in Zeiten, als der eine oder andere dieses Mörderpacks,
das schuldig am Verlust der eigenen Kindheit war, für einen
Augenblick noch daran glaubte, ein Mensch zu sein,
bevor der Henker diese ganze Bande holte.

 

 
Aus: Eine Nation ist kein Garten Eden


Notwendiger Epilog

„Eine Vorsehung gibt es nicht.
Was uns zum Schreiben treibt, ist der Versuch,
auf unserer Spur zu bleiben, die irgendwer
irgendwann einmal in uns gelegt hat.
Und es hat auch keinen Sinn, große Dinge anzustreben,
die im geistigen Auge ein unruhiges Flackern
hinterlassen.
Darin sind jene Leute perfekt, die an der
Oberfläche ihres Seins
von einer grandiosen Tiefe schwätzen.
Es wird auch kaum gelingen, den besessenen Köpfen,
die mit spitzer Feder auf der Suche nach
literarischen Erkenntnissen sind, beizubringen,
daß Literatur und Dichtung ein Teil des
Menschenbildes sind -
und, verdammt noch mal, auf keinen Fall
irgendein Ergebnis kurzfristiger Aussagen über die Zeit.
Manche glauben, das Ende ihrer Erkenntnis
erreicht zu haben. Ich bewundere diese Leute.
Es ist schon schwierig genug, über den Anfang
hinwegzukommen. Aber das ist ein subjektives Problem.
Und was am Ende an Gedanken aufs Papier kommt,
das hatten wir von Anfang an mit uns herumgetragen.
Daß es in Sprache umgewandelt wird,
liegt wohl an unserem Hang zur Eitelkeit.

Es gibt keinen Marktplatz mehr.
Die Lagerfeuer sind schon lange ausgebrannt.
Und die Gespräche untereinander gleichen Sternschnuppen.
Eines Tages wird die Sprache, auf ihrer Reise durch die Welt
unserer Gedanken, nicht mehr zu uns zurückkehren."


Aus: Aufstand der Wörter (Cimarron-art)



Jede Seite hat ein Recht auf Solidarität und Trauer
   

Die Asche ist ins Meer gestreut.
Und tausend Leben nimmt das
Wasser auf.

Sie steigen auf, versammeln sich
am Strand, und gehen in ein
anderes Land, das uns die freie
Rede zugesteht.

Vielleicht ist alles noch ein Traum.
Doch irgendwann erfüllt er sich -
und Menschlichkeit wird wieder
unsere Hoffnung sein.

Hommage á Liu Xiaobo - Post mortem
Autor: S.M. Fahrendorf
ERINNERUNG AN HÖLDERLIN

Was wir sind und was uns bleibt –
ein Treibholz, das im Fluß des Lebens
von den Fluten unserer Zeit
weggeschwemmt wird in ein Meer,
dem die Tiefe fehlt,
ohne Wind und Wellen ist.

Welche Stille. Welche Stille.
Aus: Späte Visionen (2019/2020)
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