Sie kommt aus Kyoto, lange schwarze Haare verdecken ihr Gesicht; während feingliedrige Hände ein schweres Buch halten, der Groll ihrer Jugend die Augen vibrieren läßt, ihre Gedanken angestrengt nach Worten suchen, deren alte Zeichen tief in ihr schönes Gesicht gebrannt sind, halte ich ihr wie zum Auftauen ihrer Gefühle die offene europäische Art entgegen, leicht eingenommen von ihrem jugendlichen Charme.

Das waren Stolpersteine, die sie in meine Arme trieben, aus ihren Augen den stummen Zwang japanischer Pflichtbesessenheit fallen ließen, ihr tiefes Fallen ohne Ende war, bis ich sie auffing, in die Arme nahm und sie an Basho erinnerte: In Kyoto bin ich, doch beim Schrei des Kuckucks sehn ich mich nach Kyoto.

Ich glaube nicht, daß sie sich nach Japan zurücksehnte. Eher war sie verwirrt von den seltsamen Erfahrungen in einem anderen Land. Wie lange wir schweigend nebeneinander saßen, Blicke austauschten, die manchmal lange Geschichten erzählten. Ihre ernste Schönheit verlor sich in unserem Kuß. Eine vertraute Unruhe hielt uns gefangen.

Irgendwann werde ich sie wiedersehen - ihr schönes Haar, die leuchtenden Augen und den unschuldigen Mund. Und auch ihr Lachen werde ich wieder hören. Warum nicht in Kyoto!

Warum nicht in Kyoto

 

Aus: LENA und das Paradies

Leser's Wiederholungswunsch

Bellevue

Im Schloß des schönen Blicks sitzt der Poet
und wartet auf sein Glück. Das herrschaftliche Haus
erscheint ihm wie ein großer, sommerlicher Traum.

Die breiten, hohen Stufen in den Garten, in dem
die Sonne sorgenlos erscheint, stürmt er hinunter,
vollgepackt mit Lust nach schönen Taten.

Das Labyrinth ist schnell durchquert. Er weiß,
wie man sich auf den Lebenswegen irren kann,
und findet aus dem Irrgang der Gefühle leicht heraus.

Und dann das Haus! Ein ganzes Jahr gehört es ihm -
und seinen Freunden, die manchen Traum darin verbergen
können, in hohen Räumen und auf kostbarem Parkett.

Und kompetente Diener, reich belohnt für den Achtstundentag,
bewahren pflichtbewußt das ganze träumerische
Pack vor der VerZettelung mit der Verwaltungsmacht.

Ein Jahr lang König der Poeten in einem Schloß
unweit der Stadt zu sein, im Grünen, unbehelligt
von dem Blick der Zeit, darauf läßt sich der Wille gerne ein.

Was ist der Preis dafür - nur ein Gedicht? Ein Text, der
Freundlichkeit verströmt, und nur die schöne Zeit beim
Namen nennt? Ist das der Anfang und das Ende unseres Glücks?

Aus: LENA und das Paradies

Interview

Wie gewinnen Sie die Einfälle für Ihre Gedichte?
Meine Gedichte existieren
als unentdeckte Inseln
im Pazifik der Leidenschaften.
Ich hab sie nur zu entdecken und
auf der Karte einzutragen.

Was braucht man, um solch eine Insel zu entdecken?

Ein sturmfestes Boot
der Dreistigkeit,
einen biegsamen Mastbaum
des dichterischen Gedankens,
volle Segel
selbständigen Alltagswahrnehmens,
Proviant- und Wasservorrat
an Lebenseindrücken,
den erprobten Kompaß
der Überzeugungen,
ein starkes Fernglas des Zukunftsfühlens
und ein bißchen Glück!

Wie kommt es, daß der Leser Mitentdecker ist?

Das macht
die Hochseefahrkarte.
Nur Andeutungszeichen,
nur das Versprechen
von mancherlei Entdeckungsfreuden
stehn drauf.
Je vieldeutiger diese Zeichen,
desto mehr Anwärter mit Anspruch
auf den einzig richtigen Kurs!
Bemerkenswert ist,
daß alle Recht haben
und jeder am Ende lautstark hervorstößt:

Terra incognita!

AUTOR: ARNO PRACHT

Aus: Cimarron '78

Shopping-Time

Der Weg durch die Stadt -
ein Spießrutenlauf für unsere Gedanken.
Nichts berührt die Steine mehr wie
der bewundernde Blick unserer Augen
auf die glänzenden Fassaden der Häuser.
In schwindelnder Höhe wohnt das Glück.

Auf den kargen, zugemauerten Plätzen,
umringt von Boutiquen des sorglosen Lebens,
wo alles Schöne glatt wie ein Aal geworden ist,
sitzt Pater Emanuel und betet für eine Erweiterung
des Glaubens aus dem Geiste der Vernunft.

In den autofreien Seitenstraßen, gefüllt mit
geschminkten Gesichtern und Körpern, die
ausgewählte Stoffe tragen, von göttlicher Phantasie
- ach, diese Farbenpracht! -, erlebt das Auge eine
unglaubliche Vielfalt bunten Lebens im
Halleluja-Rausch verführerischer Schau-Fenster.
Fenster zum Leben?

Du bist noch lange nicht so weit, den Zauber
des Shoppings abzuschütteln. Die lieblichen
und unnützen Gaben für verwöhnte Seelen
verwirren dich. Was ist das für ein Glücksgefühl,
das du empfindest? Und wer gestattet dir
den Eintritt in das Paradies?

Ist das nicht letzten Endes eine Frage der
Vernunft - und nicht des Portemonnaies?

 
 
Aus: Gib acht, mein Herz (Thema: Stadt und Land)


Als unser Land zerstört am Boden lag

Kurz nach dem Krieg, als unser Land zerstört,
verbrannt am Boden lag, was allen unverständlich war,
als schon die Aussichtslosigkeit uns hart bestrafte, und
grenzenlose Armut ganz alltäglich war; die Perspektiven
für den Neubeginn sich erst aus Schutt und Schmutz
befreien mußten, und auch die Herzen meiner Leute alles
andere waren als zuversichtlich, eher tief verstört, betrogen
um das bißchen Überlebenszeit, das sie noch besaßen -

erschienen vor dem Tribunal in Nürnberg die letzten
„Großen“ aus der braunen Horde: Göring, Kesselring und
Ribbentrop; doch Namen, auch die nicht genannten, war’n
noch nie der Rede wert, wenn hinter diesen üble Charaktere
standen, die stolz verteidigten, woran sie glaubten, auch wenn
die eigene, schmutzige Sache längst verloren war.

Wie leicht es war, als Hauptankläger diese Bande, aus dumpfem
Mief der Kaiserzeit entsprungen, zur Rechenschaft zu ziehen;
dazu bedurfte es auch nicht des Spotts, wenn Mister F. den
dicken Göring einen fetten Jungen nannte, den er mit Reden
aus der Bahn geworfen habe, und später triumphierend davon
sprach, den alten Kesselring ziemlich windelweich gedroschen
habe, was in den Ruinen unserer Städte nicht angekommen war.

So brachte sich am Ende jede Seite um die Würde, ein gerechter
Mensch zu sein. Die Frage ist, wer lauter dazu applaudierte.
Und das in Zeiten, als der eine oder andere dieses Mörderpacks,
das schuldig am Verlust der eigenen Kindheit war, für einen
Augenblick noch daran glaubte, ein Mensch zu sein,
bevor der Henker diese ganze Bande holte.

 

 
Aus: Eine Nation ist kein Garten Eden


Liebe Muse der Literatur. Wann immer du, am Anfang oder Ende eines Jahres, das Wasser der Beredsamkeit über eine kaum mehr übersehbare Schar von Menschen träufelst, in der Hoffnung, sie beteiligen zu können an deiner Welt fiktiver Gedanken und Träume, bitte ich dich, einmal zu bedenken, daß die Masse dieser Begünstigten allmählich jene übersteigt, die sich dem Vergnügen des Lesens (noch) widmen. – Vielleicht soltest du, liebe Muse, doch wieder jene auswählen, die du, nach deinem Bilde, zu den Berufenen zählst – und ihnen deine große Kunst mit in die Wiege legst.
Du wirst wissen, wem du diese hohe Gabe anvertrauen kannst. Nach einer harten Lebensprüfung der Betroffenen wird sich zeigen, wer aus dem Herzen schreibt. – Dann macht das Lesen wieder Spaß!

   
Aus: Späte Visionen (2019/2020) - Autor: Gregori Latsch



Jede Seite hat ein Recht auf Solidarität und Trauer
   

Die Asche ist ins Meer gestreut.
Und tausend Leben nimmt das
Wasser auf.

Sie steigen auf, versammeln sich
am Strand, und gehen in ein
anderes Land, das uns die freie
Rede zugesteht.

Vielleicht ist alles noch ein Traum.
Doch irgendwann erfüllt er sich -
und Menschlichkeit wird wieder
unsere Hoffnung sein.

Hommage á Liu Xiaobo - Post mortem
Autor: S.M. Fahrendorf
ERINNERUNG AN HÖLDERLIN

Was wir sind und was uns bleibt –
ein Treibholz, das im Fluß des Lebens
von den Fluten unserer Zeit
weggeschwemmt wird in ein Meer,
dem die Tiefe fehlt,
ohne Wind und Wellen ist.

Welche Stille. Welche Stille.
Aus: Späte Visionen (2019/2020)
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