Sommer eines Samurai

In seinem weißen Unterkleid saß lange schon der Samurai am Teich und sah nach einem Frosch. Die Beine und der Oberkörper waren frei. Es war Sommer, früher Tag. Die Angelrute wartete vergeblich auf den Fisch.

Sitzt immer noch auf deinem Stein.
Hast lange überlebt, mein alter Freund.
Der Frosch verstand ihn nicht.


Die Stille war auf einmal laut und schrill. Er drückte
rasch die Angelrute in den Sand und griff nach seinem
Schwert. Er sah an sich herunter..., ein alter Samurai.

Dann sah er sie. Drei Streunende, die langsam näher kamen.
Mit wilden Händen zerrten sie ein Mädchen hin und her, als wäre es ein scheues Tier, das man zur Schlachtbank führt.

Er wollte nicht den eigenen Platz entweihen, an dem die
Kleidung überall zum Trocknen hing, und wo auch seine Feuerstelle lag. Mit einem schnellen Sprung war er auf seinem Weg.

Die Männer lachten ihn von weitem aus, als er ganz ungestüm mit seinem Schwert im weißen Unterkleid zu ihnen lief.
Sie dachten wohl, der Angriff wär ein Scherz. Nur einen
kurzen Augenblick. Dann erschraken sie. Die kämpferische Art des Alten sagte ihnen, wer er war.

Sie stießen ihre Beute in das Unterholz. Das Mädchen schloß die Augen, hörte helle und auch dumpfe Schläge von Klingen, die keine Freundschaft kennen, und immer nur das Lied vom Tode singen.

Als alles überstanden war, lief sie zurück ins Dorf.
Der Samurai sprach wieder mit dem Frosch.
Wie einfach unser Leben wär, wenn es den Streit
nicht gäb. Er hörte nur ein dumpfes Quak!


Es war noch immer ruhig an dem Teich, in dem ein anderer Kampf begann. Die Angelrute sprach ihn an. An ihrem Haken zappelte ein Fisch. So liebte es der Samurai. Das war der schönere Anfang eines Sommertags.


Aus: Mädchen, dein Kleid (Japanische Reminiszenzen)


 
10. Dezember 2017
 

Auf einmal ist der Winter da!
Woher er kam, und was er will,
wer weiß das schon!

Legt sich bequem auf unser Land,
und springt von Haus zu Haus,
verzaubert Sträucher, Äste, und
füllt die Kronen großer Bäume aus –
mit seinem ewig-gleichen Schnee.
Ach, könnte er doch einmal
lila, braun, orangen-farben sein.

Auf einmal ist der Winter da!
Ein kalter Bursche, kälter noch
als der Gedanke an das Eis.
Und davon gibt es schon genug;
und niemand weiß, wohin mit
diesem kalten Glitzerkram.
Und wie es unsere Sinne
durcheinander bringt.
Man friert, und friert –
und niemand ändert was daran!

Was denkt der Winter sich dabei!
Kehrt ein in unserem Leben, wie
es ihm gefällt. Er kann doch nicht
erscheinen, wann er will – oder doch!

Die Straßen sind so glatt, daß niemand
Auto fährt. Ich will zu meiner Liebsten
in die Stadt. Das Leben ist doch
keine Schlinderbahn.

Ich mag sie nicht, die Winterzeit;
dreh mich im Bett doch lieber wieder um –
und schlafe weiter wie ein Murmeltier.

Ganz unter uns, der Frühling, ja, der
Frühling, das ist meine Zeit!

Wie ein Murmeltier

 
 

Leser's Wiederholungswunsch

Notwendiger Epilog

„Eine Vorsehung gibt es nicht.
Was uns zum Schreiben treibt, ist der Versuch,
auf unserer Spur zu bleiben, die irgendwer
irgendwann einmal in uns gelegt hat.
Und es hat auch keinen Sinn, große Dinge anzustreben,
die im geistigen Auge ein unruhiges Flackern
hinterlassen.
Darin sind jene Leute perfekt, die an der
Oberfläche ihres Seins
von einer grandiosen Tiefe schwätzen.
Es wird auch kaum gelingen, den besessenen Köpfen,
die mit spitzer Feder auf der Suche nach
literarischen Erkenntnissen sind, beizubringen,
daß Literatur und Dichtung ein Teil des
Menschenbildes sind -
und, verdammt noch mal, auf keinen Fall
irgendein Ergebnis kurzfristiger Aussagen über die Zeit.
Manche glauben, das Ende ihrer Erkenntnis
erreicht zu haben. Ich bewundere diese Leute.
Es ist schon schwierig genug, über den Anfang
hinwegzukommen. Aber das ist ein subjektives Problem.
Und was am Ende an Gedanken aufs Papier kommt,
das hatten wir von Anfang an mit uns herumgetragen.
Daß es in Sprache umgewandelt wird,
liegt wohl an unserem Hang zur Eitelkeit.

Es gibt keinen Marktplatz mehr.
Die Lagerfeuer sind schon lange ausgebrannt.
Und die Gespräche untereinander gleichen Sternschnuppen.
Eines Tages wird die Sprache, auf ihrer Reise durch die Welt
unserer Gedanken, nicht mehr zu uns zurückkehren."


Aus: Aufstand der Wörter (Cimarron-art)



An einem Montag im Dezember geschah etwas
Unerwartetes. Der Turmwächter unseres Domes
war in die Zinnen des Turmes gestiegen -

unablässig seinen Namen rufend: GOTT! GOTT! GOTT!

Ich erwartete nichts Gutes, und war gespannt, ob ER
antworten würde.

Das Rauschen des Verkehrs störte ihn nicht,
auch nicht die ernste Absicht des Suchenden,
sich in die Tiefe zu stürzen. Gott schwieg.

Der Priester sah nach oben und schimpfte.
Die ersten Touristen erschienen, klatschten
begeistert Beifall. Eine Kamera entdeckte den
Verzweifelten, sie schoß das Bild des Jahres.

Sekunden später erschrak der junge Turmfalke
über einen mächtigen, seltsam flatternden Vogel,
der eigentümliche Schreie von sich gab, aber
unerhört schnell nach unten segelte.

Der Priester war auf den engen Stufen nach oben
geklettert - umsonst. Das Bild des Jahres besaß einen
temporären Wert. Gott, und das war die eigentliche
Überraschung, hatte demonstrativ geschwiegen.

Im Hintergrund meines Schreibplatzes erklang
LOLA von den Kinks, als ich diesen Text im
Dezember 1991 niederschrieb. Woher, um alles in
der Welt, nehmen wir solche Assoziationen?
Der Küster, der Priester, der Dom -
und LOLA von den KINkS



Aus: Eine Nation ist kein Garten Eden


Jede Seite hat ein Recht auf Solidarität und Trauer
   

Die Asche ist ins Meer gestreut.
Und tausend Leben nimmt das
Wasser auf.

Sie steigen auf, versammeln sich
am Strand, und gehen in ein
anderes Land, das uns die freie
Rede zugesteht.

Vielleicht ist alles noch ein Traum.
Doch irgendwann erfüllt er sich -
und Menschlichkeit wird wieder
unsere Hoffnung sein.

Hommage á Liu Xiaobo - Post mortem
Autor: S.M. Fahrendorf
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