Ein unpoetischer Text


Es sind nicht die schlechtesten,
die zwischen dem Steinfall
ihrer Hoffnungen
Gedichte schreiben,
leise Verse, die traurig
stimmen,
im stillen zuhause sind,
weil alles, alles herum
laut auf sie einschreit,
auf sie einschreit.
Es sind nicht die schlechtesten.

Wie laut muß ihre Stille sein,
bis wir sie verstehen.

Aus: Lena und das Paradies


Leser's Wiederholungswunsch

Hotel California
Erinnerungen an die alten Songs


Laß uns eine Runde fahren,
durch die große Stadt, mein Freund!
Es sind doch die 70er Jahre, alles ist noch neu,
mein Freund.

Auch wenn Songs und Lieder klagen,
wir gehören uns, mein Freund.
Niemand von den höheren Chargen wird es wagen,
uns zu sagen, was wir tun und lassen sollen,
und wonach wir leben, was wir sind, mein Freund.

Wollen gern den anderen vergeben,
daß sie oben und wir unten sind.
Ist es eine Schande denn im Leben, zu den andern
zu gehören, denen Lebensfreude eher ist gegeben,
als das gottverdammte Streben nach Gewinn, Besitz und
falschem Stolz!

Komm, steig ein, wir fahren los!
Sind ja doch nur bunte Tupfer in den Schluchten
unserer Stadt, die das Grau des Himmels
und den Lärm in unseren Straßen auf ganz eigene Art
begrüßen - mit der Lust zu leben, die uns niemand nimmt!

Aus: LENA und das Paradies




Was Freiheit ist, von der es heißt, daß sie den Garten
unseres Lebens schützt, und daß, wer unser Volk vertritt,
ein Zeitmandat besitzt, weiß jeder Demokrat.

Und weiß er auch, daß die Gewählten kein Hilfsorgan
in diesem Lande sind,
wie Norbert Lammert sagt, vielmehr
das Herz der Freiheit, und daß allein der Bundestag, das
Parlament, ein Gesetz beschließt, und daß kein Richter
dieser Welt sich über die Verfassung seines Landes stellen
darf?
Wo solche Regeln gelten, sind wir gern zuhaus.

Was Freiheit ist in einem Staat des Rechts, von dem wir glauben,
daß auch er den Garten unseres Lebens schützt, läßt uns
wie Freie reden, ohne jeden Skrupel, mit jenem langen Atem
eines Demokraten, der den politisch Engagierten vertraut –
und nicht vergißt, daß Solidarität der Schlüssel ist zu
unserem Zukunftshaus.

Das Parlament, die Freiheit und das Recht

Aus: Eine Nation ist kein Garten Eden


Notwendiger Epilog

„Eine Vorsehung gibt es nicht.
Was uns zum Schreiben treibt, ist der Versuch,
auf unserer Spur zu bleiben, die irgendwer
irgendwann einmal in uns gelegt hat.
Und es hat auch keinen Sinn, große Dinge anzustreben,
die im geistigen Auge ein unruhiges Flackern
hinterlassen.
Darin sind jene Leute perfekt, die an der
Oberfläche ihres Seins
von einer grandiosen Tiefe schwätzen.
Es wird auch kaum gelingen, den besessenen Köpfen,
die mit spitzer Feder auf der Suche nach
literarischen Erkenntnissen sind, beizubringen,
daß Literatur und Dichtung ein Teil des
Menschenbildes sind -
und, verdammt noch mal, auf keinen Fall
irgendein Ergebnis kurzfristiger Aussagen über die Zeit.
Manche glauben, das Ende ihrer Erkenntnis
erreicht zu haben. Ich bewundere diese Leute.
Es ist schon schwierig genug, über den Anfang
hinwegzukommen. Aber das ist ein subjektives Problem.
Und was am Ende an Gedanken aufs Papier kommt,
das hatten wir von Anfang an mit uns herumgetragen.
Daß es in Sprache umgewandelt wird,
liegt wohl an unserem Hang zur Eitelkeit.

Es gibt keinen Marktplatz mehr.
Die Lagerfeuer sind schon lange ausgebrannt.
Und die Gespräche untereinander gleichen Sternschnuppen.
Eines Tages wird die Sprache, auf ihrer Reise durch die Welt
unserer Gedanken, nicht mehr zu uns zurückkehren."


Aus: Aufstand der Wörter (Cimarron-art)



An einem Montag im Dezember geschah etwas
Unerwartetes. Der Turmwächter unseres Domes
war in die Zinnen des Turmes gestiegen -

unablässig seinen Namen rufend: GOTT! GOTT! GOTT!

Ich erwartete nichts Gutes, und war gespannt, ob ER
antworten würde.

Das Rauschen des Verkehrs störte ihn nicht,
auch nicht die ernste Absicht des Suchenden,
sich in die Tiefe zu stürzen. Gott schwieg.

Der Priester sah nach oben und schimpfte.
Die ersten Touristen erschienen, klatschten
begeistert Beifall. Eine Kamera entdeckte den
Verzweifelten, sie schoß das Bild des Jahres.

Sekunden später erschrak der junge Turmfalke
über einen mächtigen, seltsam flatternden Vogel,
der eigentümliche Schreie von sich gab, aber
unerhört schnell nach unten segelte.

Der Priester war auf den engen Stufen nach oben
geklettert - umsonst. Das Bild des Jahres besaß einen
temporären Wert. Gott, und das war die eigentliche
Überraschung, hatte demonstrativ geschwiegen.

Im Hintergrund meines Schreibplatzes erklang
LOLA von den Kinks, als ich diesen Text im
Dezember 1991 niederschrieb. Woher, um alles in
der Welt, nehmen wir solche Assoziationen?
Der Küster, der Priester, der Dom -
und LOLA von den KINkS



Aus: Eine Nation ist kein Garten Eden


Jede Seite hat ein Recht auf Solidarität und Trauer
   

Die Asche ist ins Meer gestreut.
Und tausend Leben nimmt das
Wasser auf.

Sie steigen auf, versammeln sich
am Strand, und gehen in ein
anderes Land, das uns die freie
Rede zugesteht.

Vielleicht ist alles noch ein Traum.
Doch irgendwann erfüllt er sich -
und Menschlichkeit wird wieder
unsere Hoffnung sein.

Hommage á Liu Xiaobo - Post mortem
Autor: S.M. Fahrendorf
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